In der Sondersendung Israel von „Hauptsache nicht Anke“ spricht der Aktivist Ariel Alvarez-Pereyre über queeren Aktivismus in Be’er Scheva und die weiterhin mangelhafte Versorgung von trans Personen. Jonathan Maman von Havruta schildert die Herausforderungen queerer religiöser Menschen und betont die Bedeutung geschützter Räume als Alternative zu Konversionstherapien. Die Aktivistinnen Merav Livni Keish und Orly Ben Slous vom „Bund der Löwinnen“ berichten über ihren ehrenamtlichen Einsatz für die Sicherheit von trans Jugendlichen an Schulen, nachdem staatliche Fördermittel gestrichen wurden. Journalist Julien Bahlul ordnet die Situation geopolitisch ein und thematisiert die Verfolgung queerer Menschen in den palästinensischen Gebieten durch Gruppen wie die Hamas. Gemeinsam zeichnen die Gäste ein vielschichtiges Bild des Kampfes um Akzeptanz, Sicherheit und Selbstbestimmung in einer von Konflikten geprägten Region.
Die Interviews kamen anlässlich einer Delegationsreise nach Israel zustande, zu der die Botschaft des Staates Israel in Berlin ausgewählte Fach- und Führungskräfte aus dem deutschen LGBTQ+-Bereich eingeladen hat. Die Reise fand im Juni (9.–14. Juni 2026) statt und diente dem Zweck, den fachlichen Austausch über aktuelle Herausforderungen der Communities zu vertiefen. Im Zentrum standen dabei praxisnahe Modelle, Community-Building, Antidiskriminierungsarbeit, politische Interessenvertretung sowie die Vernetzung und das gegenseitige Lernen in einem schwierigen gesellschaftlichen und geopolitischen Kontext.
Ariel Alvarez-Pereyre, Pride House Be’er Scheva
In dem Beitrag berichtet der 38-jährige Aktivist Ariel Alvarez-Pereyre über die queere Community und die Entwicklung des Aktivismus in der israelischen Stadt Be’er Scheva. Alvarez-Pereyre, der sich ehrenamtlich im dortigen Pride House engagiert, beschreibt eine positive Entwicklung in den letzten 15 Jahren, die unter anderem zu einer engen Kooperation mit der lokalen Gemeinde geführt hat. Er hebt die Einrichtung einer neuen medizinischen Klinik hervor, die eine sensibilisierte Erstversorgung für trans Personen bietet. Gleichzeitig weist er auf bestehende strukturelle Defizite in der Region hin, wie den Mangel an Fachärzten in den Bereichen Endokrinologie und Gynäkologie, weshalb Betroffene für Behandlungen oft nach Tel Aviv reisen müssen. Zudem thematisiert Alvarez-Pereyre die rechtliche Situation in Israel, wo trans Personen vom Staat formal in die Kategorie von Menschen mit Behinderungen eingestuft werden. Diese Klassifizierung empfindet er zwar als stigmatisierend, merkt jedoch an, dass sie der Community im Gegenzug rechtlichen Schutz sowie finanzielle und medizinische Unterstützung sichert.
Jonathan Maman, Havruta
Im dem Gespräch berichtet der Aktivist und Pädagoge Jonathan Maman, ehemaliger Vorsitzender der Organisation Havruta (der führenden israelischen Vereinigung für LGBTIQ+-Personen im religiösen Spektrum), über die Zerreißprobe zwischen Glaube und Identität in Israel. Er teilt seine differenzierte und pragmatische Sicht auf das hochgradig problematische Thema der Konversionstherapien, die er aus ethischer Sicht zutiefst verurteilt, und warnt eindringlich vor den Gefahren eines unregulierten Schwarzmarktes. Maman beschreibt die dringende Notwendigkeit von geschützten Räumen und schließt mit einem berührenden Plädoyer für das Konzept der „Mediokrität“: Sein größter Wunsch ist eine Gesellschaft, in der religiöse LGBTIQ+-Menschen weder dämonisiert noch idealisiert werden, sondern schlicht als ganz normale Menschen in Frieden und gegenseitigem Respekt leben können.
Merav Livni Keish und Orly Ben Slous, Brit Ha’Leviot
Im Interview berichten Merav Livni Keish, die Geschäftsführerin der israelischen Organisation Brit Ha’Leviot (ברית הלביאות – auf Deutsch: „Bund der Löwinnen“), und die Aktivistin Orly Ben Slous vom harten Überlebenskampf ihrer Community. Nachdem die israelische Regierung sämtliche Fördergelder gestrichen hat, kämpft der von Müttern getragene „Bund der Löwinnen“ nun komplett spendenfinanziert und ehrenamtlich an Schulen und Universitäten weiter. Das Gespräch gibt einen Einblick in den wachsenden politischen Druck, den Kampf um die physische Sicherheit von trans Kids auf Israels Straßen und das fundamentale Recht dieser Kinder auf ein sicheres, gleichberechtigtes und glückliches Leben.
Julien Bahlul, Journalist
Im Diskurs analysiert Julien Bahlul, Journalist und ehemaliger französischer Mediensprecher der israelischen Verteidigungskräfte (IDF), die Debatte um die LGBTQ+-Rechte im Nahostkonflikt. Bahlul verweist auf die nachweisbar prekäre und lebensgefährliche Lage queerer Menschen in den palästinensischen Gebieten, in denen Homosexualität unterdrückt und von Organisationen wie der Hamas drakonisch bestraft wird. Er plädiert für eine faktenbasierte Diskussion in Europa, die die realen Menschenrechtsverletzungen in der arabischen Welt thematisiert.
Sendung mit Musik hören:
Links zum Thema